Fußballfelder sind keine Liegewiesen!

1.FC Magdeburg – TSG Neustrelitz, 22.09.2013, 7. Spieltag

Natürlich ist es ärgerlich, wenn man durch die allerletzte Chance des Gegners in der allerletzten Sekunde der allerletzten Minute der Nachspielzeit noch den entscheidenden Gegentreffer kassiert und aus dem vermeintlich 1-1 und einem Punkt dann eben ein 1-2 und gar kein Punkt wird. Und es bleibt ärgerlich, auch noch nach der obligatorischen Nacht, die ich sicherheitshalber (und manchmal auch notgedrungen) nach den Spielen noch über die Geschehnisse auf dem Rasen schlafe, bevor ich überhaupt drüber nachdenke, einen hoffentlich einigermaßen konsistenten Blogbeitrag zu verfassen.

Das Problem mit der Partie an diesem 7. Spieltag der Regionalligasaison 2013/2014 ist nur, dass die Mannschaft nahezu die gesamte Spielzeit über darum gebettelt hat, genau dieses Tor in genau dieser Form zu kassieren. Und da ist es letzten Endes auch ziemlich egal, ob das 2-1 aus Gegnersicht in der 47., der 65. oder eben der 94. Minute fällt. Und genau dieser Umstand ist es, der mich eigentlich ärgert. Aber lieber der Reihe nach – was war eigentlich passiert?

Letzten Endes stand der 7. Spieltag aus Magdeburger Sicht eigentlich unter guten Vorzeichen: Man hatte die letzten 3 Spiele in Folge gewonnen, sich durch ein sensationell umgebogenes Spiel in Rathenow und ein Schützenfest gegen die BSG Sachsenring Zwickau viel Selbstvertrauen geholt und unter Umständen die Chance, am Ende des Spieltags – günstige Konstellationen auf den anderen Plätzen vorausgesetzt – von Tabellenplatz 1 zu winken. Dementsprechend und völlig zu Recht firmierte die Begegnung gegen die in der Tabelle zweitplatzierten Landespokalsieger aus Mecklenburg-Vorpommern als Spitzenspiel. Soweit, so einfach. Allerdings war ich ja vor der Partie schon ein wenig skeptisch, ob wir wirklich schon so gut sind, die gezeigten Leistungen auch gegen einen äußerst robusten und spielstarken Gegner, der vermutlich berechtigterweise auf dem 2. Platz der Tabelle steht, würden bestätigen können, zumal mich unser Spiel gegen die Zwickauer unter der Woche trotz des hohen Ergebnisses irgendwie nicht restlos überzeugen konnte. Die Erkenntnis der letzten Partie lautet, um das an der Stelle schon mal vorwegzunehmen: nein, so gut sind wir wohl (noch) nicht.

Und das lag gestern vor allem daran, dass es uns überwiegend nicht gelungen ist, in der Abwehr eroberte Bälle in Ruhe, mit Plan und vor allem erfolgreich herauszuspielen und strukturierte Angriffssituationen einzuleiten. Was wiederum an starken Neustrelitzern lag, aber dazu kommen wir gleich. Was gestern wirklich auffiel, war, dass gefühlt jeder anderthalbte Ball nach Balleroberung sofort wieder in den Füßen des Gegners landete oder wahlweise, sofern man eine Situation in der Abwehr spielerisch lösen konnte, häufig in der Vorwärtsbewegung relativ schnell verloren ging. Kurzum: unser Angriffsspiel, das für mich eben mit dem planvollen Klären eines Balles in der eigenen Abwehr beginnt, hat gestern einfach nicht so gut funktioniert, wie noch in den (erfolgreichen) Partien davor. Das soll jetzt nicht heißen, dass die Mannschaft grottenschlecht gespielt hätte, beileibe nicht, aber irgendwie ließ sie gestern das letzte Stückchen Konzentration und das Mü Aufmerksamkeit und Handlungsschnelligkeit vermissen. Man ist ja bei solchen Befunden dann immer schnell geneigt, die Belastung der englischen Woche von drei Spielen in acht Tagen als eine mögliche Erklärung anzuführen, und vermutlich ist da auch was dran, aber es ist eben auch eine Qualitätsfrage, ob man es schafft, die Konzentration trotz dieses Pensums auch wirklich solange aufrecht zu erhalten, bis der Schiedsrichter tatsächlich abpfeift. Zumal das Spiel gestern schon das zweite in dieser Saison war, das durch eine Schlafeinlage gegen Ende verloren ging.

Die Neustrelitzer spielten gestern das, was man eigentlich eher von den Blau-Weißen hätte erwarten können und auch in dieser Saison, zumindest zuhause im Heinz-Krügel-Stadion, auch schon erleben durfte: es wurde früh gestört, der oder die mit dem Spielaufbau befasste(n) Spieler dadurch zu Fehlern gezwungen und dann, sobald diese (zwangsläufig) eintraten, schnell umgeschaltet. Dazu kam aber noch, dass sich die Gäste mitunter völlig ungestört und in aller Ruhe vor unserem 16-Meter-Raum die Bälle zuspielen konnten und so natürlich immer Räume entstanden, durch die man zu Torchancen kam. Daher war eben auch schon einige Male vor dem unsäglichen Last-Minute-Gegentreffer ein Gegentor zu befürchten, das dann eben sowohl in der 65., als auch in besagter 94. Minute wirklich fiel.

Dass unsere Mannen es eigentlich besser können, zeigte der schnelle Ausgleich durch Christian Beck (durch wen auch sonst?) nach Führung von Wunderlich eindrucksvoll: fast in Kopie des 1-0 gegen Zwickau von Mittwoch konnte sich Tino Schmunck auf der rechten Seite gut durchsetzen, auf unseren Goalgetter flanken und dieser zum 1-1 einköpfen. Direkt nach dem Tor folgte dann auch die deutlich stärkste Phase der Blau-Weißen, die bis etwa zur 87. Minute anhielt und in der gut und gerne auch der Führungstreffer hätte fallen können. Oder hätte fallen müssen, wenn Telmo Teixeira nicht zu lange zögert oder wenn der junge Morris Schröter, der für Viteritti in die Partie gekommen war, in der einen oder anderen Szene im bzw. am Sechzehner eine bessere Entscheidung trifft. Aber hey, der Bursche ist erst 18 und solche Lernerfahrungen seien ihm gern zugestanden.

Um es noch mal klar zu sagen: unser Spiel gestern war beileibe nicht grottenschlecht und eine Spielidee und ein Konzept auch deutlich erkennbar, aber es krankte einfach an der mangelnden Präzision in zu vielen Situationen, an entsprechenden Unkonzentriertheiten im Spiel nach vorn und an viel zu schnellen Ballverlusten nach eigenem Ballgewinn, die die Neustelitzer aber eben auch gut zu provozieren wussten.

Was uns zu dem Punkt bringt, vielleicht doch mal noch das eine oder andere Wort mehr zu unseren Gästen zu verlieren.

Zunächst einmal war ich relativ beeindruckt von der zwar kleinen, dafür aber erstaunlich lauten Meute im Gästeblock, die sich bereits gut 30 Minuten vor dem Spiel deutlich bemerkbar machte. Bei Gegnern wie Neustrelitz erwartet man das ja nun nicht unbedingt, aber es macht halt einfach das kleine bisschen mehr Spaß, wenn man von der Nordtribüne aus nicht nur auf nackten Beton in Block 14 schaut.

Fußballerisch konnte sich das, was die Gäste aus Mecklenburg-Vorpommern da zeigten, auch durchaus sehen lassen (klar, die haben ja auch gewonnen) und ja, auch wenn es weh tut: die TSG Neustrelitz hat die nun 5 Spiele in Folge – nimmt man die gestrige Leistung als Grundlage – sicherlich nicht nur durch puren Zufall gewonnen und steht völlig verdient auf Platz 2 der Tabelle. Auffällig war neben einer hohen Ball- und Passsicherheit, dass vor allem die Freistöße eigentlich immer gefährlich wurden; Matthias Tischer bei uns im Kasten musste sich schon das eine oder andere Mal ordentlich strecken. Auch schafften es die Gäste eigentlich das ganze Spiel über und wie oben schon beschrieben, sehr früh zu stören und unsere Abwehr sowie die für den Spielaufbau von hinten raus zuständigen Sowislo und Puttkammer vor schwierige Aufgaben zu stellen, die zu selten wirklich gut gelöst wurden. Das führte mitunter dazu, dass Beck und Fuchs phasenweise gar keinen Ball sahen, was Torjäger Beck dann in der Tagespresse wohl auch zu der Aussage verleitete, es wäre nicht sein Spiel gewesen. Positiv an dieser Stelle, dass es ihm dann trotzdem immer noch gelingt, sein Tor zu machen und ich meine, irgendwo mal gelesen zu haben, dass genau das einen guten Torjäger auch auszeichnet ;-).

Was neben den positiven Aspekten im Spiel der Neustrelitzer dann allerdings auch auffiel, waren die vielen Provokationen und zum Teil grotesken Schauspieleinlagen, zu denen die Mannschaft sich hinreißen ließ und die das Team von Thomas Brdaric für mich im Nachgang eher als unsympathische Theatertruppe erscheinen lässt. Sorry, aber das geht gar nicht. Ein Fußballplatz ist nun mal keine Liegewiese und wer der Meinung ist, ein Regionalligaspiel als Bühne für Theaterproben nutzen zu müssen, sollte vielleicht noch mal über eine Umschulung nachdenken. Ich habe jedenfalls wirklich selten eine Mannschaft erlebt, die derart vehement eigentlich jede Schiedsrichterentscheidung gegen die eigenen Farben debattieren musste und keine Gelegenheit ausließ, dem Gegenspieler bei jeder sich bietenden Möglichkeit noch irgendwo einen mitzugeben und, sofern selbst gefoult, so zu tun, als wären beide Beine mehrfach gebrochen und man müsse noch auf dem Spielfeld sofort Invalidenrente beantragen und den Heimweg im Rollstuhl antreten. Und ja, ich übertreibe möglicherweise ein ganz kleines bisschen, tue es aber eben nur den Neustrelitzern gleich. Insbesondere Velimir Jovanovic (in Magdeburg kein ganz Unbekannter) offenbarte hier großes Starpotential, wenn es um die Rolle des sterbenden Schwans ging. Aber hey, vielleicht ist er ja in seiner Freizeit auch in der ‚Laienspielgruppe Neustrelitz’ aktiv. Man weiß es nicht.

Ärgerlich ist das Ganze vor allem ja deshalb, weil die Mannschaft insgesamt das überhaupt nicht nötig hat, sondern über genügend Qualität verfügt, den Gegner schon rein fußballerisch aus dem Konzept zu bringen. Aber das habe ich ja auch schon bei RB Leipzig nie verstanden, die diese Facette des Spiels (zumindest in den Partien gegen uns) ebenfalls zur Kunstform erhoben haben.

Letztlich bleibt unter dem Strich einfach eine ärgerliche Niederlage und die Erkenntnis, dass es für ganz, ganz oben eben (im Moment) noch nicht reicht. Was mich trotzdem optimistisch stimmt, ist der Umstand, dass die Mannschaft eine Spielidee erkennen lässt und es gestern nicht an einer vogelwilden Abwehr oder an planlosem Offensivgegurke lag, sondern einfach an Konsequenz und Konzentration mangelte. Also an Dingen, die man möglicherweise kurzfristig abstellen kann. Außerdem darf man nicht vergessen, dass mit Bärje und Reinhard zwei extrem belebende Offensivkräfte derzeit verletzt sind und mit René Lange der (offenbar) etatmäßige Linksverteidiger rotgesperrt ausfällt. Nennhuber als Lange-Ersatz und Viteritti, der statt Reinhard in den letzten Spielen die linke Außenbahn beackerte, machen ihre Sache zwar solide, dürften sich aber nach der Rückkehr besagter Spieler sicherlich auf der Ersatzbank wiederfinden; ähnliches gilt für Schmunck, der Bärje wohl eher nicht dauerhaft wird verdrängen können. Gerade für Viteritti ist es vielleicht auch ganz gut, mal wieder ein paar Spiele von der Bank aus zu verfolgen – bei dem Talent, das ihm ja dauernd nachgesagt wird und das sicher auch vorhanden ist, kam mir persönlich da gestern wieder zu wenig offensiv und wirkte vieles verkrampft und gezwungen… keine Ahnung, was da grad los ist, aber ‚befreit aufspielen’ sieht auf jeden Fall anders aus.

Fazit: der 1. FC Magdeburg hat sein Heimspiel am siebenten Spieltag unter dem Strich nicht unverdient verloren und dabei von der TSG Neustrelitz (!!!) demonstriert bekommen, was es braucht, um sich als Spitzenmannschaft in dieser Staffel der vierten Liga zu positionieren. So bitter wie das ist, so wertvoll können die Erkenntnisse im weiteren Saisonverlauf noch sein. Oder um es anders auszudrücken: kein Beinbruch und wer weiß, wozu es mal noch gut ist…

Was bleibt, sind die doch recht amüsante Vorstellung, wie Thomas Brdaric mit seiner Piepsstimme die Kabinenansprachen hält und sich seine Spieler samt und sonders das Lachen verkneifen müssen sowie dieser schöne Schnappschuss, den ich nirgendwo im Beitrag vernünftig unterbringen konnte und den ich daher einfach mal hier ans Ende setze. In diesem Sinne: Sport frei!

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