Die wundersame Wandlung des Ersten FC M

1-2 zuhause in einem Nachhol-Flutlichtspiel gegen den Tabellenvorletzten. Und wenn man den zahlreichen Augenzeugen glauben darf, die sich per Ticker, Twitter und Fan-Forum zum Spiel gegen die 2. Mannschaft von Union Berlin am gestrigen Abend zu Wort gemeldet haben, eine durchaus verdiente Niederlage und eine über weite Strecken doch eher als ‚katastrophal‘ einzustufenden Leistung. Dies sind erst mal die nüchternen Fakten, die mich dann aber doch langsam gewaltig nachdenklich stimmen, nachdem ich zuletzt ja noch dachte, die schwachen Auftritte in Meuselwitz und gegen Neustrelitz waren der langen Zwangspause geschuldete Ausrutscher. Wie ich darauf kam? Mal überlegen:

Nach der Hinrunde lag der FC Magdeburg auf einem respektablen fünften Tabellenplatz mit nicht unrealistischem Anschluss an die Spitzengruppe der Regionalliga Nordost. Im Großen und Ganzen wurde ordentlicher Fußball gezeigt, obwohl natürlich auch die – erwartbaren – schwachen Leistungen dabei waren, die aber zu einer Aufbausaison naturgemäß dazugehören. Auf dem Platz gab es so etwas wie eine Stamm- oder zumindest Kernformation mit Tischer im Tor, Neumann/Blume – Friebertshäuser – Schiller/Hackenberg – Butzen in der Verteidigung, Kurth – Burdenski/Boltze im (defensiven) Mittelfeld, Reinhard und Viteritti (Moslehe) auf den Flügeln und Beil – Krieger im Sturm. Moniert wurde oftmals die schlechte Chancenverwertung in der Offensive (Krieger!!!) und der Umstand, dass man häufig eben nicht über 90, sondern allenfalls 60, 70 Minuten Dampf machte. Es waren beherzte, leidenschaftliche, engagierte Auftritte dabei, die Mannschaft wollte und es machte nach der Graupensaison 11/12 endlich wieder Spaß, ins Stadion zu gehen, auch wenn längst noch nicht alles klappte. Der FCM war wieder da oder zumindest auf einem guten Weg. Die sportliche Leitung wurde gelobt und, und das war vielleicht das allerwichtigste, es war Ruhe im Verein (jedenfalls, soweit man das von außen beurteilen konnte).

So, dann kam die Winter(zwangs)pause und auch hier wurde eigentlich ganz vernünftig gearbeitet: es folgten ordentliche Hallenauftritte (was in der Vergangenheit ja auch nicht immer der Fall war) und mit der Verpflichtung von Beck, Teixeira (sofort) und Fuchs (ab der kommenden Saison) sinnvolle und qualitativ hochwertige Verstärkungen. Dazu kamen dann oft markige Worte des Trainers und, das sei an dieser Stelle explizit erwähnt, auch der Mannschaft in Form von Mannschaftskapitän Marco Kurth („Ich will noch 2. werden!“). Es folgte das Lotteriespiel auf Schnee in Auerbach (2-0 für die Guten) und das 3-3 in Plauen. 4 Punkte aus 2 Spielen, beide auswärts – eigentlich okay. Soweit, so einfach.

Umso unklarer ist eigentlich vor diesem Hintergrund die aktuelle Entwicklung mit nunmehr 3 weitestgehend inspirationslosen Auftritten gegen vermeintlich schwächere (Union II) oder potentiell als etwa gleichstark eingeschätzte Gegner (Meuselwitz, Neustrelitz). Die pauschale und auf der Hand liegende Frage „Was ist da los?“ entfaltet sich dabei für mich bei genauerem Hinsehen eigentlich in drei konkreteren Fragestellungen, nämlich:

1. Was ist aus der Mannschaft und der Spielkultur aus der Hinrunde geworden?

Hier ist zunächst mal anzumerken, dass sich in der oben als „Stammformation“ bezeichneten Aufstellung drei Dinge geändert haben:

Fernando Lenk, der in der Hinrunde allenfalls im Pokal mal eine Chance bekam und in den Punktspielen eigentlich, was Einsatzzeiten angeht, kein Land gesehen hat, scheint nunmehr auf der linken Verteidigerposition gesetzt. Mehr noch, er wird auch nach (meiner persönlichen Meinung nach) schwachen Auftritten vom Trainer über den grünen Klee gelobt („Wer Lenk schwach gesehen hat, hat keine Ahnung vom Fußball“). Ich für meinen Teil habe Lenk jedenfalls in der Hinrunde nicht vermisst und fand uns eigentlich mit Neumann, später Blume oder wahlweise auch Reinhard hinten links recht gut aufgestellt, sodass die Hereinnahme von Lenk in die Mannschaft auf der Position aus meiner Sicht eigentlich ohne Not erfolgt ist. Verstehbar wird das Ganze eigentlich nur vor dem Hintergrund der Ansage der sportlichen Leitung, alle können sich in der Rückrunde noch für einen neuen Vertrag empfehlen. Dazu kommen wir aber gleich noch. Interessanterweise spielt Reinhard, seitdem Lenk hinter ihm absichert, weit unter seinen Möglichkeiten. Ich meine, ich habe ja laut Trainer keine Ahnung vom Fussball, aber vielleicht sollten Fernando und Christopher öfter mal ein Bier zusammen trinken gehen?

Zweitens: Marius Sowislo, eigentlich als (Flügel-)Stürmer geholt, bei transfermarkt.de interessanterweise als linker Mittelfeldspieler geführt und in der Hinrunde ebenfalls mit wenig Einsatzzeit, findet sich plötzlich in der Schaltzentrale im Mittelfeld wieder. Auf einer Position, für die wir mit Burdenski und Boltze bereits zwei Spieler mit mehr (Boltze) oder weniger (Burdenski) Potential haben und die bereits nachgewiesen haben, dass sie die Position auch ordentlich ausfüllen können. Also wieder ein Wechsel ohne Not, auch wenn, das muss man fairerweise dazusagen, der ideale Partner neben Kurth im Laufe der Hinrunde noch nicht gefunden wurde.

Die dritte Position betrifft den Wechsel von Chancentod Krieger auf Goalgetter Beck, bei dem Becks Quote, so denke ich, für sich sprechen dürfte. Hier war dringender Handlungsbedarf geboten, was sich auch bezahlt gemacht hat.

Was dann auch noch auffällt, ist eine gewisse Pomadigkeit (mir fehlt hier irgendwie ein besseres Wort) und der Mangel des absoluten Willens, das Spiel auch wirklich gewinnen zu wollen. Das sieht offenbar auch der Trainer so, der von „Enttäuschung“ (Meuselwitz) sprach und davon, die Mannschaft wäre zeitweise „mausetot“ gewesen (Neustrelitz). Bei allem Respekt, Andreas Petersen, aber die Mannschaft mit der richtigen Einstellung ins Spiel zu schicken ist Ihre Aufgabe als Cheftrainer. Und liebe Mannschaft: Ihr konntet wochenlang winterbedingt nicht ordentlich Fußball spielen – Ihr müsstet doch jetzt eigentlich ohne Ende Bock haben, vor der für Regionalligaverhältnisse sicherlich überdurchschnittlich großen Kulisse in Magdeburg wieder kicken zu können! Oder nicht?

2. Was ist aus der Ansage geworden, es gäbe für jeden Spieler noch die Möglichkeit, sich zu empfehlen?

Okay, wenn ein Fernando Lenk selbige Möglichkeit noch mal bekommen sollte, dann hatte er die jetzt. Stephan Neumann, der Lenks Position vor seiner schweren Verletzung ordentlich ausgefüllt hat, aber noch nicht. Und ja, es sind in den englischen Wochen noch ein paar Spiele zu absolvieren, aber warum darf sich Neumann bisher mal so gar nicht zeigen?

Gleiches gilt für Michel Harrer. An seiner Stelle würde ich mich ja langsam fragen, ob man mich eigentlich zu veräppeln gedenkt: da wird in der Winterpause öffentlichkeitswirksam verkündet, Dawid Krieger erhält nach der Saison keinen neuen Vertrag, und dann wird Mr. Chancentod himself dauernd eingewechselt, während der andere nominelle Stürmer, nämlich Harrer, drei Spiele lang gemütlich die Bank anwärmt. Ich meine, ich bin von Harrer nun auch nicht so wahnsinnig überzeugt – das kann aber auch daran liegen, dass ich ihn schlichtweg kaum habe spielen sehen bisher. Und mal ehrlich: das Chancen versemmeln hat Krieger zwar wirklich in beeindruckender Weise perfektioniert, aber das Tor NICHT zu treffen, traue ich Harrer durchaus auch zu. Für mich erklärt sich das nur so, dass Michel Harrer bereits abgeschrieben ist. Aber selbst dann setze ich doch zum Beispiel eher irgendeinen Nachwuchsspieler (von „vielversprechenden Nachwuchstalenten“ wage ich auf der Position mal nicht zu sprechen) auf die Bank, als den Kaderplatz durch einen weiteren, möglicherweise bereits feststehenden Abgang zu blockieren.

Ebenso wenig schlau werde ich aus der Personalie Benjamin Boltze. Da wird erstmal über das Boulevardblatt mit den vier großen Buchstaben öffentlich ausgeteilt, Boltze hätte jetzt nur noch Endspiele und dann spielt, siehe oben: Marius Sowislo. Und noch nicht mal besonders gut. Oder Budde Burdenski mit der ihm eben eigenen, äh, „Qualität“. Okay, Boltze war gesundheitlich angeschlagen und so, aber wenn es für ganz passable 20 Minuten am Ende reicht, könnte man ihn ja eigentlich auch mal beginnen lassen. Allerdings kommt da womöglich wieder mein mangelnder Fußballsachverstand ins Spiel. Oder es gibt (das betrifft jetzt Burdenski), wie auch schon verschiedenerorts gemutmaßt wurde, tatsächlich Absprachen im Hintergrund, an denen Burdenski Senior maßgeblich beteiligt ist und die dem Sohnemann eben Einsatzminuten zusichern, die Benjamin Boltze dann natürlich fehlen.

3. Die ‚Causa Kurth‘ und die Sache mit der Ruhe im Verein.

Kapitän Marco Kurth war, wie auf der Pressekonferenz nach dem Spiel und dann eben auch in der Presse heute zu vernehmen war, aus „sportlichen und disziplinarischen Gründen“ gestern nicht im Kader. Gerüchten zufolge gab es da im Vorfeld wohl eine etwas lautstärkere Meinungsverschiedenheit zwischen Trainer Petersen und Kurth im Training, die eben in der Nicht-Berücksichtigung für das Union-Spiel gipfelte. Für mich klingt das erst mal plausibel und nachvollziehbar, schließlich gibt es für einen erfahrenen Spieler und Mannschaftskapitän wie Kurth sicher auch andere Möglichkeiten, Meinungsverschiedenheiten zur Sprache zu bringen bzw. macht sich Petersen ja lächerlich, wenn er sich von seinem Kapitän vor versammelter Mannschaft derart angehen lässt und dann keine Konsequenzen zieht. Auf der anderen Seite ist das natürlich aber auch ein gefährliches Spiel und es bleibt zu hoffen, dass die Angelegenheit nicht noch weitere Folgeerscheinungen nach sich zieht und sich nicht auf das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft insgesamt auswirkt. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass sich der wahre Charakter (und das betrifft jetzt sowohl Petersen, als auch Kurth) einer Person erst in Krisenzeiten zeigt und ich hoffe, beide haben genug Größe, mit der jetzt bestehenden Situation professionell umzugehen. Eine Disziplin- und Gefolgschaftsdebatte ist in der derzeitigen Situation jedenfalls so unnötig wie ein Kropf – insbesondere, weil ja in dieser Saison alle Instanzen richtigerweise immer betont haben, dass es nur dann wieder aufwärts gehen kann, wenn alle zusammenhalten und an einem Strang ziehen. Dass solche Aussagen im Windschatten entsprechenden Erfolgs natürlich leichter über die Lippen kommen als im Moment, ist auch klar.

Soweit zur Bestandsaufnahme. Wie kann es jetzt weitergehen? Ganz dringend wichtig wäre erst einmal ein Erfolg beim Tabellenletzten aus Torgelow jetzt am kommenden Samstag. Egal wie. Sollte man sich auch dort blamieren, ist wohl richtig Feuer unterm Dach, was sich vor allem wohl auch zuschauerzahlentechnisch niederschlagen dürfte, und das jetzt, wo in der nächsten Zeit mit Lokomotive Leipzig und Carl Zeiss Jena dem Namen nach attraktive Gegner im HKS ihr Stelldichein geben werden. Wie sich ein Nicht-Sieg auf die weitere sportliche Entwicklung auswirken würde, möchte ich mir gar nicht ausmalen, zumal ja am 08.05. auch das Landespokal-Halbfinale in Elster ansteht und man bitte nicht schon dort die Chance verbocken sollte, den Pott dieses Jahr wieder in die Landeshauptstadt zu holen. Wo doch der Hässliche FC so freundlich war, sich als Drittligist und vermeintlicher Pokalsiegerfavorit bereits in Halberstadt aus dem Wettbewerb zu verabschieden.

Insgesamt würde ich immer noch sagen, dass man weiterhin Ruhe bewahren sollte, immerhin lief ja die Saison bisher für FCM-Verhältnisse merkwürdig glatt. Nun gibt es eben einen Einbruch und jetzt wird sich zeigen, was alles Gerede im Vorfeld wirklich wert war und wie gefestigt Mannschaft, sportliche Leitung und nicht zuletzt auch das Umfeld wirklich (schon) sind. Und möglicherweise erwartet uns ja bereits in Torgelow das Comeback derjenigen ersten Männermannschaft des Ersten FC Magdeburg, die uns in der Hinrunde bereits so viel Freude bereitet hat.

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